Kraftwerk Vogelsang

Ausflug zum Kraftwerk Vogelsang

Es ist 6:30Uhr, noch dunkel, kalt und nass – und das an einem Samstag morgen.

Die Arbeitswoche steckt noch in den Knochen, aber das pünktliche Schlafengehen hat es ein wenig angenehmer gemacht. Im Duft von frischem Kaffee, Tee und Brötchen kommt aber auch ein wenig Vorfreude auf – es geht heute mit den Fotofreunden Amtsfeld endlich mal wieder auf einen Fotoausflug!

Gut eineinhalb Stunden Fahrzeit steht auf dem Navi, als wir gen Osten aufbrechen. Es ist toll, dass alle interessierten Fotofreunde durch bilden von Fahrgemeinschaften mit  dem Auto anreisen – denn über zwei Stunden Regio möchte gerade heute keiner fahren. Zahlreiche Schichten Kleidung machen die Anfahrt schön kuschelig, bei einer kleinen Pause, weiß ich aber auch schnell wieder warum – es ist kalt, etwas windig und leichter Regen setzt ein. Abseits der Straße sehen wir Zugvögel auf den Feldern. Leider haben wir heute keine Zeit dafür – wir wollen ja pünktlich am Treffpunkt sein.

„Na, hast du dir mal angeschaut, wo es heute hingeht?“ frage ich die Fotofreundin, die mich mitgenommen hat? „Na klar – nach Eisenhüttenstadt!“ ist die prompte Antwort „…ins Kraftwerk Vogelsang!“. Fast im Chor sagen wir beide: „Ein spannender LostPlace!“ und lachen.

„Das Kraftwerk“

Das Kraftwerk Vogelsang wurde seit April 1943 für die Wärme- und Stromversorgung der Rüstungsindustrie im Großraum Berlin gebaut. In der Nähe von Braunkohle und direkt neben der Oder ist es günstig gelegen, die Stahlbetonkonstruktion funktional und wie der Rest des Kraftwerks auf dem Stand der damaligen Technik. In Betrieb gegangen, ist es jedoch nie, da die Rote Armee im Februar 1945 das Gebiet an der Oder befreite.

 

„Worauf wir uns freuen“

Die Ruine besteht aus zwei Haupthäusern, einigen Nebengebäuden und zwei gigantischen 100m hohen Schornsteinen. Das verspricht interessante Motive, nicht zuletzt, weil auch ein Kühlwassersee Hoffnung auf Reflektionen verspricht. Da das Gelände nach dem „Ausschlachten“ als Reparationsleistung durch die Sowjetunion auch von der Natur zurückerobert wurde, hoffen wir ein wenig darauf, vielleicht Vögel beobachten zu können – einige Teleobjektive sind auch dabei!

Schnell finden sich alle Teilnehmer am Treffpunkt ein. Der für das Objekt verantwortliche Verwalter ist auch da, gibt uns die Schlüssel zum Gelände und informiert uns, dass die Polizei über unseren Besuch informiert ist und was wir dürfen und was nicht – ja, wir sind legal hier!

Vielen Dank an den Fotofreund, der sich wochenlang unter anderem über das Bau- und Denkmalschutz-Amt bis zum Verwalter durchgefragt hat!

 

„Los gehts… „

Auf dem Gelände angekommen parken wir unsere Autos auf einem Fahrweg im hohen Gras. Gigantisch, mit deutlichen Einschußlöchern ragen die beiden Schornsteine aus dem Wald, auch die Stahlbeton-Skelette der Haupthäuser sind zu sehen.

Es regnet. Während einige auf dem Wetterradar nach der Vorhersage für die nächsten Stunden schauen, werden langsam die Stative, Fotorucksäcke und Drohnen ausgepackt. Einige essen etwas, einige trinken noch Tee oder Kaffee …

Ich kann es aber nicht abwarten, setze schon mal die Stirnlampe auf und schaue mir das erste Nebengebäude an. Wie erwartet ist es zerstört, etwas zugemüllt und leider sind keine Fundstücke aus alten Zeiten mehr da – dafür ist die Bausubstanz aber noch ganz gut in Schuss. Auch der Keller ist nicht so fotogen, aber gut – es ist ja nur ein Nebengebäude.

Schnell einigen wir uns auf Zeit und Treffpunkt und schon gehts in kleineren Grüppchen in die Ruine, während es langsam aufhört zu regnen. Das erstaunlich modern wirkende Stahlbetonskelett erstreckt sich über vier Etagen. Feiner Sand im inneren erschwert das Laufen.

Einige Fotofreunde lassen erst einmal das Gebäude auf sich wirken, andere sprinten förmlich, um die ersten Motive zu finden – jeder, wie er mag. Löcher in Wänden und Decken, Betonstrukturen, Licht und Schatten, Graffitis und die Pflanzenwelt rund herum… Hier kann man locker mehrere Stunden verbringen, ohne das es langweilig wird!

Voller Begeisterung entdeckt jeder die Gebäude. Mal laufend, mal kriechend findet jeder seine Motive. Da wir doch recht viele sind, wird der eine oder andere auch selbst zum Motiv – sei es als Silhouette oder dekoratives Element. Immer wieder erinnern wir uns an die goldene Regel der LostPlace-Fotografie: „entweder laufen oder gucken/fotografieren“, um nicht in eines der zahlreichen Löcher im Boden zu treten oder zu fallen.

„Ein Highlight: Der Schornstein“

Nach einiger Zeit erreiche ich den ersten Schornstein und kann erfreut feststellen, dass wir hier auch direkt in den Schlot hineingehen können. Beeindruckt von der gigantischen Höhe, zieht jeder das Weitwinkel und es bildet sich sogar eine kleine Schlange am Mittelpunkt des kreisrunden Giganten. Auch wenn ich nicht verstehe, warum sich Treppen innerhalb eines Schornsteines nach oben winden, bin ich doch ob der Strukturen begeistert. Gemeinsam diskutieren wir den optimalen Blickwinkel, nutzen riesige oder kleinere Löcher in den Wänden für Fotos.

„Die oberen Etagen“

…und es entsteht eine neue Diskussion: Wie kommt man in die oberen Etagen? Die einzige Möglichkeit diese zu erreichen, scheinen die Treppen in den Schornsteinen zu sein, die jedoch erst in einer Höhe von zwei Metern über dem Boden beginnen. Aber auch für diese Herausforderung lässt sich schnell eine Lösung finden und die Sportlicheren von uns verschwinden temporär aus dem Gesichtsfeld.

„Die Sonne zeigt sich…“

Doch was ist das? Auf einmal bilden sich Lichtkegel – die Sonne ist hinter den Wolken hervorgekommen! Kleine Pflanzen haben auf einmal einen Lichtfokus, Schatten und Kontraste werden stärker und der eine oder andere beginnt HDR-Aufnahmen zu machen, während andere die Drohne auspacken und aufbauen. Auch in den Kellerräumen zaubert das Licht Glanzeffekte und eine ganz besondere Stimmung!

Während an jeder Ecke die Auslöser klicken, gehts für mich aus dem Gebäude heraus – ich muss mich mal ein wenig in der Sonne aufwärmen. Im sanften surren der Drohne versuche ich die Fassade fotografisch zu erfassen und werde von leuchtenden Hagebutten, Blüten und der schönen Struktur des natürlichen Waldes abgelenkt. Bei einer kurzen Trinkpause gesellen sich Fotofreunde zu mir und wir fangen auch an, über Aufnahmetechniken, Kameraeinstellungen und Tipps und Tricks zu sprechen. Gemeinsam werden Versuche mit Zieher-Bildern (ICM – intentional camera movement) gemacht, Erfolge gefeiert und spannende Ecken im Gebäude ausgetauscht und schon zerstreuen wir uns wieder.

„Weiteres Highlight: Die Graffitis im Kraftwerk“

Wieder aufgewärmt geht es in die unteren Räume, die nur gebückt oder auf allen Vieren zu erreichen sind. Durch den geänderten Blickwinkel kann ich aber noch bessere Blickwinkel auf das ein oder andere Graffiti erhaschen, die nun im Spiel von Licht und Schatten besonders wirken. Auch allgemein sind in allen Ebenen sehenswerte Graffitis verteilt – eine tolle Ergänzung zur Architektur und Natur.

„Am Ufer der Oder“

Mit nunmehr dreckigen Knien, mit Ruß verschmutzten Händen zieht es uns dann langsam in Richtung Oder-Damm, wieder, um sich aufzuwärmen, aber auch, um gute Standorte für Außenaufnahmen zu suchen. Während die einen es sich auf einer Bank gemütlich machen und etwas essen, entdecken andere einen roten Milan, Adler, Kormorane oder Graureier über der Oder. Die Teleobjektive kommen nun auch zum Einsatz. Rufe wie „Hier ist einer“ und „Da auch!“ führen zu einer schön zu beobachtenden Choreografie …

Nachdem „jeder“ Vogel fotografiert, die Sonne sich wieder hinter Wolken versteckt hat und jede Ecke im Kraftwerk erkundet wurde, gehts nun wieder in Richtung Treffpunkt. Erste Bilder werden diskutiert und begeistert die Erlebnisse ausgetauscht. Es ist faszinierend, wie unterschiedlich die Blickwinkel und Aufnahmentechniken sind! Toll!

„Auf nach Kostrzyn…“

Voller Begeisterung begeben wir uns nun in Richtung Kostrzyn.

Eine gute Stunde später genießen wir eine gemeinsame Stärkung im Restaurant und tauschen uns angeregt aus, bevor es zu unserem letzten Ziel für heute geht: Die Ruinen der Bastion, des Schlosses und einer Kirche. Auch hier gibt es zahlreiche Motive über und unter der Erde bevor wir den Sonnenuntergang über der Oder gemeinsam genießen.

„Fazit: Was für ein schöner Tag!“

Voller Eindrücke im Kopf und auf den Speicherchips unserer Kameras und Handys verabschieden wir uns und blicken auf einen tollen gemeinsamen Fotoausflug zurück!

…und zumindest bei mir wirkt der Schlafsand des Sandmännchens sehr schnell -nach so viel frischer Luft, Bewegung, Gesprächen und Eindrücke.

Was für ein toller Tag!

Text: Björn Clemens

25.10.25